Gestützt auf einen Gehstock schreiten sie zur Bushaltestelle. Gebückt, aber mit einem Rucksack über der Schulter. Manchmal halbblind und über 70 Jahre alt, einige sogar schon über 80. In alltäglichen Gesprächen, selbst während sie auf den Bus warten, diskutieren sie mit Gleichaltrigen über Bluthochdruck und geben sich gegenseitig Tipps zu den besten Medikamenten. Doch eines haben sie alle gemeinsam: ihr Datscha-Grundstück, ihre geliebten hundert Quadratmeter. Diese fleißigen Rentner, so scheint es, werden ihr Zuhause nie verlassen. Solange ihre Beine sie tragen.
Der Kult der Datscha
Fünf- oder sechshundert Quadratmeter für einen Gemüsegarten oder eine Datscha – zu Sowjetzeiten galt das als Zeichen von Wohlstand. Fabriken, Unternehmen und Behörden vergaben das Land. Diese Parzellen waren nicht immer leicht zu erreichen. Es gab keine Privatwagen, und die Busse waren überfüllt. Und dann musste man noch einen unbefestigten Weg entlanglaufen, um dorthin zu gelangen. Doch die Menschen sicherten sich fast jedes Fleckchen Land. An den Wochenenden strömten sie herbei, um die Beete zu pflegen.
Gemüsegärten retteten uns vor dem totalen Mangel an allem: Wir bauten Obst, Gemüse, KartoffelDie Vielfalt der Anbaumethoden war damals noch nicht so groß wie im 21. Jahrhundert, aber die Menschen hatten genug, um ihre Keller für den Winter zu füllen und daraus Pickles und Kompotte herzustellen. Besonders unternehmungslustige umgingen die Beschränkungen, indem sie Überschüsse verkauften. Es gab auch Menschen, vor allem in den südlichen Regionen des Landes, die ausschließlich von ihren Gärten lebten. Offizielle Berufe, wie beispielsweise Schichtarbeit als Wachmann, dienten ihnen als Tarnung. Während der Perestroika gaben viele ihre Parzellen auf. Datscha-Kooperativen zerfielen, die Umspannwerke, die die zentrale Wasserversorgung sicherstellten, wurden geplündert, und Diebstahl grassierte; gestohlen wurde, was andere von April bis Oktober mühsam angebaut hatten.
Ein neuer Lebensabschnitt
Doch eine Generation von Sowjetbürgern gab nicht auf und kehrte in ihre Datschen am Stadtrand oder in ihre angestammten Dörfer zurück. Es gab durchaus Potenzial – bis zu 16 Hektar Kartoffeln konnten dort angebaut werden. Man musste nur hart arbeiten. Und so machten sie sich wieder an die Arbeit. Sie gingen altersbedingt in Rente, waren aber immer noch voller Tatendrang: Schließlich waren sie seit ihrer Kindheit an körperliche Arbeit gewöhnt. Und das Graben in der Erde galt nicht mehr als Arbeit. Sie lebten nach dem Prinzip: Ruhe ist ein Tapetenwechsel.
Der Ruhestand ist für Stadtbewohner zweifellos stressig und führt oft zu Panik: Wie geht es nun weiter? Die Vorstellung, in den vier Wänden einer Stadtwohnung gefangen zu sein, ist alles andere als erfreulich. Die gewohnten sozialen Kontakte fallen weg, und die Pflichten sind erledigt. So kehren Rentner in ihre 600 Quadratmeter große Wohnung zurück. Natur und frische Luft sind eine wahre Wohltat. Die Müdigkeit kommt nicht vom Bluthochdruck, sondern von der kreativen Arbeit. Der Unterschied ist enorm.
Trotz Überredung
Während die Älteren eifrig ihre Gartenbeete pflegen, haben die Kinder ausgerechnet, dass es sich nicht lohnt. Supermärkte bieten eine Fülle an Obst und Gemüse in einer köstlichen Vielfalt zu niedrigen Preisen. Die Fahrt in die Vororte ist teuer, zeitaufwendig und stressig; man weiß nie, was einem älteren Menschen unterwegs zustoßen kann. Die ältere Generation entgegnet dem mit ihrem Rentnerausweis, der ihnen kostenlose oder vergünstigte Fahrten ermöglicht. In der Natur vergessen sie ihre Sorgen und Beschwerden. „Es ist, als würden sich Sorgen und Ängste in der Erde auflösen“, sagt Zinaida Ilyinichna. Sie ist 83 Jahre alt. Dieses Jahr wurde sie wegen Grauem Star operiert. Sie ging jedoch erst im November ins Krankenhaus, nachdem sie die gesamte Datscha gereinigt und für die nächste Saison vorbereitet hatte.

Unter den vielfältigen pflanzlichen Lebensmitteln erfreuen sich viele Menschen besonders der Tomate – einem schönen, runden, glatten, leuchtend roten Gemüse. Sie wurde vor über zwei Jahrtausenden erstmals an der Küste Südamerikas kultiviert…
Ein überzeugendes Argument ist, dass die Ernte aus dem eigenen Garten biologisch ist. Sie enthält nicht die „Chemikalien“, die man im Supermarkt findet. Sie hat einen Geschmack und ein Aroma, die man bei gekauftem Obst und Gemüse nicht findet. Erstaunlicherweise zieht es immer mehr junge Leute auf diese gepflegten, liebevoll bewirtschafteten Grundstücke. Sie kommen, um Spaß zu haben, zu entspannen und zu grillen. Die Eltern freuen sich: Ihre Mühe hat sich gelohnt; jeder, der auf das verwilderte Land kommt, kann dies tun. Und alle sind zusammen, die Familie ist in der Nähe. Das ist der psychologische Aspekt: Die Datscha wirkt verbindend. Rosstat nennt wichtige Statistiken für 2018:
- Rund 60 % der Bevölkerung Russlands betreiben Sommerhäuser;
- Bis zu 40 % aller landwirtschaftlichen Produkte des Landes werden auf privaten Bauernhöfen und Datschen angebaut;
- 61 % der Sommergäste ernähren sich aus ihren Gärten, 30 % gestalten ihre Grundstücke landschaftlich und 23 % betrachten ihre Datscha als einen Ort der Entspannung.
Ältere Menschen betrachten ihr eigenes Land nach wie vor als Lebensgrundlage für ihre Familien. Sie bewirtschaften es aber nicht aus Notwendigkeit, sondern in dem vollen Bewusstsein, dass das Land Geist und Körper stärkt, ein langes Leben schenkt und die Lust auf ein erfülltes Leben weckt.

